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Erlebte Fülle: Der Figuralchor sang in St. Michael

Tübingen. Seit acht Jahren ist der Tübinger Figuralchor so etwas wie ein Botschafter der Musik. Im Mai 2003 von Katja Rambaum zunächst als Projektchor ins Leben gerufen, um Musik an konzertferne Orte wie Kliniken und Heime zu tragen, gestaltet er regelmäßig auch Motetten und Kantatengottesdienste. Und als einer der wenigen Tübinger Chöre agiert er konsequent überkonfesionell. Häufig ist der Figuralchor in der evangelischen Martinskirche zu Gast, am Sonntag sang er morgens im Gottesdienst der katholischen Michaelskirche und gab dort abends das A-cappella-Konzert "Himmel und Erde".

"Pleni sunt coeli et terra gloria tua" - "Himmel und Erde sind erfüllt von Deiner Herrlichkeit" heißt es im Sanctus. So bildeten vier- bis achtstimmige Sanctus-Sätze und Vertonungen des Seraphim-Lobpreises die Fixpunkte des Programms. In der Gegenüberstellung konnten die 120 Zuhörer nachvollziehen, wie Komponisten zu verschiedenen Zeiten die Ausbreitung des Gotteslobs "in alle Lande" gestaltet haben. Jakobus Gallus' doppelchörige Motette "Duo Seraphim clamabant" ("Zwei Seraphim riefen einander zu") verdichtet die Stimmen bei "Plena est omnis terra" ("erfüllt sind alle Lande") und macht damit Fülle erlebbar. Im Sanctus aus Palestrinas "Missa Aeterna Christi Munera" begeisterte die sonore Wärme der 13 Männerstimmen. Bei den letzten Programmen hatte der Figuralchor oft kontrastreiche Klangfarben eingesetzt und die Textausdeutung in den Vordergrund gestellt. Diemal fiel der homogene, durchgebildete, weiche Gesamtklang auf, aus dem tendenziell, wenn auch nur selten, die hohen Soprane etwas ausscherten.

Eine deutsche Sanctus-Version schrieb Mendelssohn mit seinem Doppelchor "Heilig, heilig, heilig" aus der Missa breve. Hier bauten die 37 Chorist(inn)en den Klang mit geschmeidigen Impulsen auf. Geradezu bildhaft wirkten die anschwellenden Klänge in Mendelssohns achstimmiger Motette "Herr Gott, du bist unsre Zuflucht": Die "Erschaffung der Erde" wurde quasi hörbar, wenn die Klänge wie Bergzüge aufgipfelten.

Eine besondere Affinität hat der Figuralchor zu Heinrich Schütz. Eindrücklich war dessen doppelchörige Motette "Jauchzet dem Herrn alle Welt" durch ihre agogische Phrasierung und weiche Akzentsetzung. Mit am meisten gefiel Monteverdis tänzerisch schwingendes "Cantate Domino". Hier stand ebenso der pure, sinnliche Vokalklang im Fokus wie bei Bruckners "Locus iste" und "Ave Maria".

Zwischen den drei Abschnitten des einstündigen Programms improvisierte Michaels-Kantor Ulrich Wolff an der Orgel über die gerade erklungenen Chorsätze. Aus einem anfänglichen, amorpen Klangmaterial formte er nach und nach melodische Züge, hauchte ihnen rhythmisches Leben ein, ließ so schrittweise die Gestalt eines Liedes erstehen.

Am nuanciertesten ging der Figuralchor in die Textgestaltung bei Distler: Ausdruckstief und vielsagend waren das dreistimmige "Wie der Hirsch schreit" aus dem "Jahrkreis" op. 5 und "In der Welt habt ihr Angst" aus der "Geistlichen Chormusik" op.12. Den schönen Abschluss machte Heinrich Alberts "Abendlied": "Und so ein Herz noch einsam wacht, geb ihm der Herr ein' gute Nacht".

Achim Stricker im Schwäbischen Tagblatt über das Konzert in der Tübinger Michaelskirche am 10. Juli 2011