Das Geheimnis der Dankbarkeit

Kantatengottesdienst in der Tübinger Stiftskirche mit dem Figuralchor am 12. Juli 2009

Tübingen. Seit den ersten Kantatengottesdiensten im Jahr 2006 sind der Tübinger Figuralchor und der Neutestamentler Prof. Hans-Joachim Eckstein eine kongeniale Kombination. Am Sonntag in der Stiftskirche war wieder dieser einträchtige Geist zwischen Kanzel und Orgelempore zu spüren, der innig enge Kontakt und Austausch ohne jegliche Äußerlichkeiten: Eine besondere Offenheit, einander zuzuhören, aufeinander einzugehen. So waren Liturgie, Predigt und Kantaten nicht nur thematisch verwoben, sondern von einer durchgängigen Atmosphäre, einem gemeinsamen Anliegen getragen.

In Ecksteins Predigt, eingebettet zwischen die Sätze von Dietrich Buxtehudes Chor-Kantate "Alles, was ihr tut, mit Worten oder mit Werken", klangen Duktus und Tonfall der Musik nach. Und als der Figuralchor unter Katja Rambaum nach der Predigt die drei letzten Buxtehude-Sätze anschloss, hatte sich hörbar etwas verändert, war etwas aus der Predigt in die Musik hineingekommen. Auch Telemanns Chor-Kantate "Laudate Jehovam omnes gentes" ("Lobet den Herrn, alle Heiden"), die rahmend zu Beginn und am Ende des Gottesdienstes musiziert wurde, klang zuletzt nach dem Segen noch freier: gewandelt, erlöst.

Der Figuralchor sang mit hörbar erhobenem Herzen und dichter Klangfülle, begleitet von einem inspirierten Barockensemble (Mirjam Haupt, Ute Roming und Isabelle Rebmann, Violinen; Manuela Eiche, Viola; Burkhard Scheible, Cello). Continuo-Organistin Christiane Lux hatte die Stiftskirchenorgel auf ein anpassungsfähig weiches 8-Fuß-Register reduziert. Ohne verdeckende Kontrabass-Verstärkung war das Fagott (Ann-Katrin Zimmermann) schön zu hören und konzertierte gewandt mit den Violinen.

Schwerelos, spielerisch griffen die Streicherlinien in den Einleitungs-Sonaten der Buxtehude-Kantate ineinander; sonor das Arioso der Männerstimmen "Habe deine Lust am Herrn", ausdrucksgenau der Choral "Gott will ich lassen raten" in den Frauenstimmen.

Eckstein predigte über das Paulus-Zitat aus Buxtehudes Eingangschor: "Alles, was ihr tut, mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen Jesu, und danket Gott und dem Vater durch ihn" (Kolosser 3,17) und stellte fest: "Wie seltsam heiter, zufrieden und harmonisch. Was war das Geheimnis, der Grund dieser Zuversicht?" Mit Humor und rhetorischer Eloquenz kommentierte er die zeitgenössische Kunst, sich in 30 Minuten Problemgrübelei komplett unglücklich machen zu können: "Das alttestamentliche Israel, die christliche Urgemeinde, die Barockzeit - sie hätten sich nach unseren Problemen gesehnt. Niemals zuvor gab es eine Zeit, in der länger als 60 Jahre Frieden herrschte. Wir heute müssen auf einem derart hohen Niveau den Gürtel enger schnüren."

Hier sah er das "Geheimnis der Dankbarkeit": "Dankbar zu sein ist heute eine Frage des Anstands geworden, oft eine lästige, wenn auch höfliche Pflicht. Dabei ist der Dankbare in Wahrheit doppelt beschenkt."

Der Gottesdienst endete mit dem Halleluja der Telemann-Kantate, das sich immer mehr verdichtete und hymnisch höher schraubte. Und die 450 Kirchgänger waren von Predigt und Musik mehr als doppelt beschenkt.

Achim Stricker im Schwäbischen Tagblatt