Mutter unser

Der Figuralchor in der Tübinger Motette

Mit der Gottesmutter Maria steht neben dem christlichen Gottvater auch ein mütterliches Gottesbild. Vater unser - Mutter unser: So stellte der Tübinger Figuralchor unter Katja Rambaum bei der Stiftskirchen-Motette zum Sonntag Rogate neben Vaterunser-Vertonungen aus fünf Jahrhunderten die Tradition der Mariengesänge. Angefangen von Jacob Arcadelts "Ave Maria", Hans Leo Hasslers "Dixit Maria ad Angelum" und Heinrich Schütz' "Vater unser".

Die 35 Stimmen der aktuellen Besetzung harmonierten feinfühlig und blieben immer am Klang: Ein tragfähiger Klangteppich lag unter Strawinskys "Pater noster", eine pulsierende Grundschwingung, die über Zäsuren und Einsätze hinweg weiter trug und schwang. Francis Poulencs "Salve Regina" war ein einziges weites Tableau. In Maurice Duruflés "Ubi caritas" vibrierten aufgeladene Reibeklänge, als scheine eine letzte Abendsonne durch Kirchenfenster. Hier verband der Figuralchor seine reflektierte Textausdeutung mit Umfärbungen und Klangverwandlungen auf den Zieltönen: Da endete eine Phrase auf "amor" und mit erreichtem Zielklang öffnete sich eine lichte Kuppel. Und bei "sincero", dem "aufrichtigen" Herzen, ging eine breite Tiefe auf.

Das ist die besondere Kunst des Figuralchors: eine Aussage nicht per Musik zu transportieren, sondern Musik mit Charakter, mit einer persönlichen Haltung zu füllen. Der Figuralchor bezieht Position, steht hinter jedem Wort mit Haltung und Gehalt. Gerade dieser bewusste, eigene Standpunkt ermöglicht umgekehrt eine hörbare Ausrichtung und Hinwendung zum Hörer.

Katja Rambaums organisch geführtem Dirigat mit aussagekräftig differenzierten Schlagebenen konnte man immer genau ablesen, wo innerhalb einer Phrase man sich gerade befand, syntaktisch in größeren Einheiten gedacht.

So war Josef Rheinbergers berühmtes Abendlied "Bleib bei uns, denn es will Abend werden" sehr schön verdichtet und auf Zielklänge zugespitzt. In einem "Ave Maria" von Anton Bruckner schaukelten sich die "Sancta Maria"-Anrufungen auf. Dagegen drifteten die gegensätzlichen Abschnitte in Mendelssohn-Bartholdys Magnificat-Vertonung "Mein Herz erhebet Gott, den Herrn" op. 69/3 stark auseinander, verloren auch an Zug und Tempo.

Das wie immer aus dem Moment improvisierte Vorspiel zum Gemeindelied ("Zieh ein zu deinen Toren") weitete Stiftskirchenkantor Gerhard Kaufmann zu einer regelrechten Eingangssinfonia aus. Der ausgeschmückte Choralcantus und die Begleitstimmen waren gleichermaßen aus dem Motivmaterial des Kirchenlieds erfunden.

Zuletzt Franz Liszts "Vater unser" mit plastischen Pointierungen: Der weiche Chorklang begann bei "Himmel" richtig zu strahlen, während "erlöse uns von dem Übel" mit einem verderblich schalen Mollklang endete.

Achim Stricker im Schwäbischen Tagblatt