Motettengottesdienst mit dem Tübinger Figuralchor

Tübingen. Beim Motettengottesdienst mit dem Tübinger Figuralchor am Sonntag Rogate ("Bittet/Betet") stand Jonas Gebet im Zentrum. Vom riesigen Fisch verschlungen und in die Tiefe hinab gerissen, betet Jona zu Gott: "Ich schrie aus dem Rachen des Todes, und du hörtest meine Stimme."

Prof. Hans Joachim Eckstein schlug einen Bogen zum Dankpsalm 116 ("Das ist mir lieb, dass der Herr mein Stimm und Flehen hört") und konstatierte: "Für uns heute ist es schwer, ohne Beweis zu glauben, selbstverständlich beten zu können." Zugleich stellte der Neutestamentler die Frage, "ob es überhaupt je eine Zeit gab, in der Glaube und Beten leicht und selbstverständlich waren.

Mit Schütz' sechsteiligem Motettenzyklus über den 116. Psalm rahmte der Figuralchor die Predigt.

Den Auftrag dazu hatte 1616 ein Eisenacher Beamter an die 16 berühmtesten deutschen Komponisten seiner Zeit vergeben. Schütz nutzte die allerneusten italienischen Satztechniken, gab jeder Psalmzeile eine radikal subjektive Expressivität, die er durch harte Kontraste steigerte: Da wütet es heftig "Alle Menschen sind Lügner", um gleich darauf besänftigt für Gottes "Wohltaten" zu danken. Der Figuralchor unter Katja Rambaum folgte den jähen Stimmungswechseln, unterstrich den Wortgehalt mit bildlicher Ausdruckskraft und charaktervollen Klängen: vom Hoffen und Bangen bis hin zum hörbar "abgleitenden" Fuß. Besonderes Augenmerk richteten Chor und Leiterin auf die deklamatorische Rhythmik dieser Musik: Jede melodische Erfindung wurzelt im natürlichen Sprachduktus, überhöht ihn. Von Rambaum flexibel und deutlich geführt, variierte der Figuralchor sicher in Rhythmus und Tempo, warf imitierende Einsätze hin und her und ließ zuletzt das Halleluja in Schwindel erregenden Endlosschleifen kreisen.

Schwäbisches Tagblatt, über den Gottesdienst am 27. April 2008 in der Tübinger Stiftskirche