Trost der Musik

Der Figuralchor in der Klosterkirche

Bebenhausen. Hugo Distler und Heinrich Schütz - zwei Dioskuren der protestantischen Kirchenmusik, geprägt von ihren Kriegserfahrungen. Mit seiner "Geistlichen Abendmusik" zu Distlers 100. Geburtstag zeichnete der Tübinger Figuralchor am Sonntag in der vollbesetzten Klosterkirche ein kluges Doppelporträt, das beide Komponisten immer tiefsinniger ineinander spiegelte. Selten hat man soviel vom Wesen geistlicher Musik verstanden wie in dieser Konzertstunde.

Ineinander verschränkt waren Distler-Motetten aus dem "Jahrkreis" und der "Geistlichen Chormusik" und die sechs Teile von Schütz' 116. Psalm. Die 37 Sänger unter Katja Rambaum nutzten eine breite Palette an Stimmfarben - nebelhaft fahle Klänge, erlöstes Strahlen - und das dynamische Spektrum bis hin zum Aufschrei. Dabei gingen sie mit spontaner Suggestivkraft in die jeweilige Textstelle und ihren Affekt hinein, machten Wege und Entwicklungen hörbar. In Schütz' erstem anschwellenden "Das ist mir lieb" schien schon der gesamte Kosmos aufgehoben: jede Pfundsnote eine Monade.

Christiane Lux holte bei drei Partiten und Choralsätzen aus Distlers Opus 8 alles aus der kleinen Kirchenorgel. Zink- und Posaunenregister hoben zur düsteren Trauermusik an, bleiche Klänge wechselten mit wundgeriebenen Dissonanzen. Im Vorspiel zu "Christe, du Lamm Gottes" tänzelte die Oberstimme verloren über den ruckartigen Bassstößen - der erreichte Choral am Ende schon gar nicht mehr wirklich wahr. Dagegen das abschließende Halleluja in Schütz' Psalm: eine gleißende Gloriole.

Pfarrer Rainer Kerst stellte in seiner Liturgie den Kriegserfahrungen beider Komponisten zwei Dichter an die Seite: Gryphius' "Tränen des Vaterlandes" und Bonhoeffers "Christen und Heiden".

Schütz hat den Dreißigjährigen Krieg um ein Vielfaches überlebt und bis zu seinem Tod im Alter von 87 Jahren komponiert. Aus seinen Motetten spricht durch alle scharf gefugten Kontraste hindurch ein ungebrochenes Gottvertrauen. Distlers Welt dagegen ist unrettbar aus den Fugen geraten. So heißt es im Schlusschor des "Totentanzes": "Drum ist's verwunderlich, dass du die Welt so liebst" und die Harmonien kippen dazu ziellos in ihren Angeln. Wenn sich die Seele am Ende von "In der Welt, da habt ihr Angst" in Gottes Hände begeben will, wird das bekräftigend gemeinte "du, du, du wollst sie mir bewahren" zu einem Stammeln und Straucheln. Im Abschiedsbrief vor seinem Suizid 1942 schreibt Distler: "alles, was ich schaffte, stand unter dem Zeichen meiner Lebensangst".

So endete das Konzert mit dem von beiden vertonten Luther-Text "Verleih uns Frieden gnädiglich". Schütz behielt damit 1648 das letzte Wort, eine feierlich gravitätische Friedensbulle. Distlers Bitte hingegen stand 1933 auf der Schwelle des Dritten Reiches, ein abwehrendes Treten auf der Stelle: bis hierher und keinen Schritt weiter.

ach
Schwäbisches Tagblatt, Konzertbericht vom 2. Juli 2008