Ein Rätsel auf Lebenszeit

Kantatengottesdienst in der Tübinger Stiftskirche mit dem Figuralchor am 9. Januar 2011

Tübingen. Die Kantatengottesdienste, die der Tübinger Figuralchor und der Neutestamentler Prof. Hans-Joachim Eckstein in den letzten Jahren gestalteten, hatten immer eine ganz besondere, gehobene und erfüllte Stimmung. Entsprechend war die Stiftskirche am Sonntag mit über 1000 Besuchern fast voll besetzt.

Gleich nach dem letzten Glockenschlag setzte sich der Eingangschor der Bach-Kantate "Nun danket alles Gott", BWV 192 (1730), in Bewegung: motorisch schwingend, selig tanzend vor Festtagsfreude. Der Figuralchor unter Katja Rambaum gab dem Vokalsatz pastellig milde, fein mattierte Farben. Die bewegten Unterstimmen trugen den Choral im Sopran wie auf Fingerspitzen, leicht und in gleichmäßigem Fluss. Im Gegensatz dazu akzentuierte die Camerata viva die Taktschwerpunkte mit tänzerischen marcato. Im Verlauf näherte sich die Impulsgebung im Chor und Ensemble einander an. Allerdings dominierten die Oboen stark, zumal gegenüber den Flöten.

Besser war die Balance im überschwänglich feiernden Schlusschor "Lob, Ehr und Preis sei Gott". Das Duett "Der ewig reiche Gott" sangen Christine Reber (Sopran) und Michael Schmohl (Bass) im jubilierenden Verkündigungston schmetternder Fanfaren.

Die klanglichen Qualitäten des Figuralchors kamen noch mehr zur Geltung in der A-cappella-Motette "Nun schein, du Glanz der Herrlichkeit" von Leonhard Lechner, der in den 1580er Jahren als vogelfrei Geächteter in Tübingen Asyl fand.

Besonders sinnvoll erscheint, dass Eckstein seine Predigt ganz auf den Bibeltext (Jesaja 40) ausrichtete und die Musik für sich sprechen ließ. Wort und Musik behielten so ihr Gewicht, ihr eigene Perspektive und Aussage. Kernthema der Predigt war Epiphanias, das Erscheinen Gottes in seinem Sohn Jesus: "Dreieinigkeit", formulierte Eckstein, "ist kein Rätsel, das man löst und wegerklärt", sondern "von der Wiege bis zum Grab durchbuchstabiert." Seine Predigt wendete sich mit Jesaja auch an die "Zerbrochenen und Geknickten", die dem "Gott des Lebens näher sind" als die Fraglosen.

Achim Stricker im Schwäbischen Tagblatt