Brüchige Gewissheiten

Der Tübinger Figuralchor probt für ein doppeltes Jubiläum

Hugo Distlers 100. Geburtstag ging bislang weitgehend unter. Grund für den Figuralchor, am Sonntag an ihn zu erinnern. Zugleich ein Jubiläum in eigener Sache: Vor fünf Jahren fand das Ensemble als Klinikchor erstmals zusammen.

Tübingen. Von wo kommt die Musik? Wo probt der Figuralchor heute? Man kann sie alle fragen: die Heimbewohnerin, die am Sonntagvormittag vor dem Luise-Wetzel-Stift ihren Spaziergang macht, die Stationsschwester auf dem Flur oder die Küchenhilfe im Speisesaal, sie wissen Bescheid - der Figuralchor ist im Altenheim eine Institution, gehört quasi mit zum Haus. Seit Jahren gestaltet das Ensemble hier die Reihe "Musik am Nachmittag".

Musik an Orte zu tragen, an denen Menschen weitgehend vom kulturellen Leben abgeschnitten sind, ist nach wie vor eins der wichtigsten Anliegen des Figuralchors: Das "Kliniksingen" stand vor fünf Jahren an seinem Anfang. Im Januar 2003 beschloss Chorleiterin Katja Rambaum zusammen mit den Pfarrern der BG-Unfallklinik, Theo Schubert und Andreas Rupp, für die sonntäglichen Gottesdienste an den Tübinger Kliniken ein eigenes "Kantorat" ins Leben zu rufen. Beim ersten "Chorprojekt in der Klinik" kamen spontan 30 Sänger(innen) zusammen. Im Verlauf der monatlich wechselnden Projekte und Besetzungen formte sich schnell ein fester Kern. Mit ihm wuchs auch der Wunsch nach längerfristigen Konzertmöglichkeiten - über die Klinikgottesdienste hinaus. Im Juli 2004 stellte sich der "Tübinger Projektchor" in der Bebenhäuser Klosterkirche erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vor.

Seither hat sich viel getan. Inzwischen nennt sich das Ensemble "Figuralchor", nach dem alten Begriff "Figuralmusik" für ausgeschmückte mehrstimmige Chöre - im Gegensatz zur schlichteren "Choralmusik". Spätestens mit der Teilnahme am Weihnachtsoratoriums-Zyklus vor zwei Jahren hat sich der Figuralchor unter die Tübinger Konzertchöre eingereiht. Und mit Beginn dieses Jahres wurde die bislang weitgehend offene Projektstruktur verabschiedet, die einer kontinuierlichen Chorarbeit und verbindlichen Ensembleklang mehr und mehr im Weg stand. Momentan umfasst der Figuralchor etwa 40 Sänger(innen), die zu den Probenwochenenden aus Tübingen und der Region, aus Heidelberg, Ravensburg und Freiburg zusammenkommen. Nach wie vor tritt der Chor in den Kliniken auf, nun aber auch regelmäßig in der Stiftskirchen-Motette oder Kantatengottesdiensten.

Der Figuralchor

Vor fünf Jahren gegründet, weit gekommen:
Der Figuralchor unter der Leitung von Katja Rambaum

Beim Konzert kommenden Sonntag in der Bebenhäuser Klosterkirche erklingen Motetten aus Distlers "Jahrkreis" (1933) und seiner "Geistlichen Chormusik": "Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser" und "Also hat Gott die Welt geliebt", die Begräbnismotette "In der Welt habt ihr Angst" und "Lass alles, was du hast" aus Distlers "Totentanz". Ihnen im Wechsel an die Seite gestellt sind die sechs Teile von Heinrich Schütz' Psalm 116. In der Gegenüberstellung wird manche scheinbare Antwort fragwürdig, Vertrautes brüchig. Beim Probenwochenende im Wetzel-Stift wird vor allem an den Übergängen von Moderne und Barock gearbeitet.

Keine zufällige Begegnung: Nicht nur hat sich Distler in seiner Lübecker Kantorenzeit an Schütz und dessen sprachnaher Deklamation orientiert. Beide Komponisten standen auch mitten im Krieg. Schütz erlebte den gesamten 30jährigen Krieg, ihn machte die Not erfinderisch: variable Besetzungen im Bausteinprinzip, je nach verfügbaren Musikern. Distler kam 1937 als Orgel- und Chorleitungslehrer nach Stuttgart und geriet mehr und mehr unter den Druck von Nationalsozialisten und Hitler-Jugend. Immer wieder drohte die Einstufung als "entarteter Künstler". Ab 1940 Professor in Berlin, steigerten sich Distlers Depressionen und das "Gefühl vollkommener Überflüssigkeit". In auswegsloser Enge, von der Amtskirche im Stich gelassen, nahm er sich am 1. November 1942 im Alter von nur 34 Jahren das Leben. Vergangenen Dienstag wäre sein 100. Geburtstag gewesen.

Man spürt Distlers Musik mit ihren hinkenden Rhythmen, ihrer funktionslosen Tonalität an, wie sehr sie sich bemüht, auseinander strebende Kräfte zu bändigen, Ordnung im Chaos aufrechtzuerhalten. Jede Stimme ist auf sich selbst gestellt. Im polyphonen Geflecht der Motetten laufen sie nebeneinander her, begegnen sich zufällig. Eine spröde Schwerelosigkeit, die nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass sie über einem Abgrund aufgehängt ist. "Stellt euch einen Punkt vor, an dem sich eure Stimmen bündeln", rät Katja Rambaum kurz vor Ende der Probe und führt den Klang mit behutsamer Hand, "wo sie zusammenkommen und verschmelzen."

Probenbericht im Schwäbischen Tagblatt vom 26. Juni 2008